IV Zusammenfassende Diskussion

1.3 Inhalte und Ziele

Analog zu der breiten Palette an Maßnahmen der familienbezogenen Prävention sind auch die Ziele und die Inhalte der Maßnahmen weit gefächert. Meist wird eine ganze Reihe von Zielen parallel genannt. Dies verdeutlicht, dass die einzelnen Angebote keine isolierten Veränderungen anstreben, sondern die vielschichtigen Faktoren familiärer Interaktion sowie der Elternrolle und der Einbettung ins gesellschaftliche Leben gemeinsam berücksichtigen wollen. Es erscheint allerdings fraglich, inwieweit solch umfassende Wirkungen realistische Zielsetzungen für eine einzelne Maßnahme darstellen.

Insgesamt zeigt sich ein Schwerpunkt bei Zielen, die auf die Eltern bezogen sind. Dem entspricht, dass sie in aller Regel die primären Adressaten der Maßnahmen sind. Ziele auf Kindesseite werden in erster Linie bei Maßnahmen genannt, an denen die Kinder selbst beteiligt sind. Die Bandbreite der Elternziele zeigt auch, dass im Rahmen familienbezogener Präventionsmaßnahmen Eltern nicht nur auf ihre Erzieherrolle reduziert werden.

Es ergeben sich natürlich angebotsspezifische Schwerpunktsetzungen. So steht die Förderung der Eltern-Kind-Beziehung insbesondere bei Eltern-Kind-Gruppen im Vordergrund. Inhaltlich wird dieser Bereich dabei eher latent abgedeckt, d. h. bei Eltern-Kind-Gruppen vorwiegend über gemeinsames Spiel und Bewegung sowie die Vermittlung von entwicklungsbezogenem Wissen. Dies soll es den Eltern ermöglichen, das kindliche Verhalten besser einzuordnen, damit umzugehen und angemessen zu reagieren. Bei Erziehungskursen stehen das Erziehungsverhalten und die Erziehungseinstellungen im Mittelpunkt. Auch dies entspricht den Zielsetzungen. Es verwundert aber ein wenig, dass bei Erziehungskursen kindbezogene Ziele relativ selten genannt werden. Dies ist insofern nachvollziehbar, als Auswirkungen auf die Kinder letztlich "nur" über die elterliche Stärkung vermittelt werden. Aber das Ziel von Erziehungskursen ist letztlich, elterliche Kompetenzen zu fördern, welche die kindliche Entwicklung positiv beeinflussen. Ein einseitiger Fokus auf das elterliche Verhalten vernachlässigt zum einen, dass Erziehung ein Wechselwirkungsprozess ist. Zum andern scheint man die direkten Erziehungswirkungen auf die kindliche Entwicklung für selbstverständlich zu halten und dabei wahrscheinlich zu überschätzen. Tatsächlich sind die Zusammenhänge aber nur moderat und von vielen beeinflussenden Bedingungen abhängig (z. B. Harris, 1995; Lösel et al., 2005; Schneewind, 1994). Die Frage ist somit, inwieweit ein Kurs als erfolgreich anzusehen wäre, wenn zwar die elterlichen Ziele erreicht werden, diese Veränderungen aber auf Seiten der Kinder keinen Niederschlag fänden. Wie unsere Meta-Analyse der kontrollierten Evaluationen zeigt, sind die Auswirkungen bei kindbezogenen Erfolgsmaßen in der Regel geringer als bei elternbezogenen Maßen. Dies ist theoretisch erwartbar und sollte dazu Anlass geben, die Effekte beim Kind nicht für selbstverständlich zu halten. Dementsprechend wäre es sinnvoll, wenn die Kursleiter selbst bei den rein auf die Eltern bezogenen Maßnahmen ihre Ziele hinsichtlich der Kinder explizieren. Angesichts des präventiven Charakters von Familienbildung sollte dieser vermittelte Einfluss überprüfbar sein.

Hinsichtlich der Ziele und Inhalte fallen Paar- und Ehevorbereitungsangebote sowie Geburtsvor- und -nachbereitungskurse deutlich aus dem Rahmen. In beiden Fällen werden überwiegend keine erziehungsbezogenen Aspekte verfolgt. Bei Paarangeboten steht die Kommunikation mit dem Partner im Vordergrund. Eine Wirkung auf die Erziehungssituation ergibt sich hier eher indirekt, indem a) die Förderung kommunikativer Kompetenzen auch Rückwirkungen auf die Kommunikation im Rahmen der Erzieherrolle haben kann und b) das familiäre Klima gefördert wird (vgl. Cummings, Goeke-Morey & Papp, 2004; Gabriel & Bodenmann, 2006; Lösel et al., 2004). Solche eventuellen "Spillover-Effekte" von der Paarbeziehung auf die Erziehung (z. B. Jaursch, 2003) werden bei den Angeboten kaum thematisiert. Auch sie sind aber normalerweise nicht so ausgeprägt, dass man sie als selbstverständlich voraussetzen sollte. Bei den Angeboten rund um die Geburt ist dieses Problem allerdings weniger wichtig, denn hier stehen praktische Fragen der Geburt sowie der Versorgung und der Gesundheit des Säuglings im Vordergrund. Deshalb fungieren in diesem Bereich auch überwiegend Hebammen als Kursleiterinnen. Die Konzentration auf die Geburt dürfte in besonderem Maße den Bedürfnissen und Erwartungen der Teilnehmer entsprechen. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn diese Kurse auch Anknüpfungspunkte für die weitergehenden Angebote z. B. in Form von Eltern-Kind-Gruppen böten.

In der konkreten Umsetzung der Inhalte besteht ein Schwerpunkt bei Methoden, die die Teilnehmer aktiv einbeziehen. Zwar ist die Informationsvermittlung in Form von Vorträgen eine regelmäßig angewandte Strategie, sie steht jedoch selten im Vordergrund. Oft wird sie durch praktische Übungen, strukturierte Gruppenarbeit oder freie Gespräche ergänzt. Lediglich bei den Kursen zur Geburtsvor- und nachbereitung überwiegen die Vortragsanteile, was wiederum dem Informationsbedürfnis der Teilnehmer entsprechen dürfte. Bei der Gewichtung der einzelnen Elemente, bei der die Aktivität der Teilnehmer im Vordergrund steht, ergeben sich angebotsspezifische Schwerpunkte. So überwiegen vor allem bei offenen Treffs, aber auch bei Eltern-Kind-Gruppen freie Gespräche gegenüber strukturierter Gruppenarbeit (inklusive moderierten Diskussionen) und Verhaltensübungen. Letztere sind bei den insgesamt stärker strukturierten Erziehungs- und Paarkursen häufiger.

Angesichts der Ergebnisse aus der Meta-Evaluation ist insbesondere der Einbezug von übenden Elementen positiv zu bewerten, da sie das unmittelbare Verhalten betreffen und Unsicherheiten im konkreten elterlichen Handeln reduzieren helfen (vgl. auch Beelmann, 2006). Bei primär gesprächsorientierten Vermittlungsmethoden ergibt sich das Problem, dass die Kompetenzen zunächst nur auf einer mentalen Ebene zur Verfügung stehen und der Schritt, sie in kompetentes Handeln umzusetzen, erst noch gemacht werden muss. Bei den Elternkursen sind Verhaltensübungen und Rollenspiele zwar häufiger als bei anderen Angebotsformen, aber im Durchschnitt machen sie doch nur etwa ein Sechstel des Gesamtkurses aus. Bei einem mittleren Kursumfang von etwa 15 Zeitstunden entspricht dies lediglich zwei bis drei Stunden insgesamt bzw. 15 Minuten in einer 90-minütigen Sitzung. Unterstellt man allerdings den Hausaufgaben, dass auch sie häufig die praktische Umsetzung von Erlerntem beinhalten, so liegt dieser zeitliche Anteil bei den Kursteilnehmern höher.

 
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